Das „schwarze Schaf“ im Klassenverband
Pädagogischer Tag an der Heinrich-Böll-Schule / Interessanter Vortrag über ADHS
Augenfälliger hätte der Referent nicht in das Thema einführen können. Inmitten einer Herde befindet sich das berühmt-berüchtigte schwarze Schaf. Auch in Klassenverbänden gibt es vermeintliche „schwarze Schafe“. Meist handelt es sich um ADHS-Kinder, Jungen und Mädchen mit dem „Aufmerksamkeits-Defizit-Hyperaktivitäts-Syndrom.“ Dass – im wahrsten Sinne des Bildes – „schwarz-weiß-Sehen“ jedoch völlig fehl am Platz und eine vielschichtige Betrachtungsweise und eine differenzierte Beurteilung dieser Schüler wichtig und nötig ist, zeigte Dr. Hans Biegert, Leitender Schuldirektor aus Bonn, im Rahmen des Pädagogischen Tages den interessierten Lehrern der Heinrich-Böll-Schule in unterhalt- und einprägsamer Weise auf. Mit Dr. Biegert konnte die HBS einen kompetenten Referenten gewinnen, immerhin leitet er eine Schule, die sich seit Jahrzehnten speziell mit ADHS-Schülern beschäftigt.
Was versteckt sich hinter dem Begriff ADHS? Schüler mit diesem Syndrom sind oft unruhig, unkonzentriert und ihr Verhalten ist unkontrolliert. Sie können die vom Lehrer gestellten Aufgaben nicht strukturieren, sie lassen sich leicht ablenken und hören nicht oder nur kurzzeitig dem Lehrer zu. Mit anderen Worten: Sie sind der Schrecken jedes Pädagogen. „Bei diesen Kindern ist die Fähigkeit zur Selbstregulation und zur Anpassung tiefgreifend gestört“, betonte Dr. Biegert.
Natürlich hat dieses Verhalten immense Auswirkungen auf das Umfeld des betroffenen Kindes. In der Schule verschwindet eine kurzzeitige Akzeptanz des „Klassenkaspers“ durch die Mitschüler schnell und weicht einer allgemeinen Ablehnung und Ausgrenzung. „ADHS-Schüler sind häufig Außenseiter“, berichtete der Referent aus mehrjähriger Erfahrung. Im Elternhaus werden die ADHS-Kinder ständig mit negativen Rückmeldungen konfrontiert, denn die Eltern wiederum registrieren aus der Schule und dem Freundeskreis meist nur negative Äußerungen über ihre Sprösslinge.
Hinzu kommt, dass ADHS-Schüler oft sitzen bleiben und ein hoher Prozentsatz ohne Abschluss die Schule verlässt, obwohl sie sogar – wie fundierte Studien belegen – oft intelligenter sind als „normale“ Kinder.
Was können Lehrer tun, damit ADHS-Schüler eine echte Chance haben und das Image der „schwarzen Schafe“ schnell loswerden? „Der Unterricht muss auf die Interessen und Fähigkeiten der Kinder abgestimmt sein“, informierte der Referent. Und: Diese Kinder brauchen „klare Strukturen und eindeutige Regeln“. Dabei ist Fingerspitzengefühl wichtig, denn eine Überfrachtung mit Regeln sorgt für eine Verschärfung des Problems.
Dass die Lehrer deshalb besonders gefordert sind, liegt auf der Hand. Ein wirksamer Unterricht ist geprägt von einem kontinuierlichen Aufmerksamkeits- und Lernfluss. Eine gruppendynamische Führung durch den Lehrer, der die Probleme bereits im Ansatz erkennt und dem nichts entgehen darf, ist dafür die Basis. Pädagogisch-sprachliche Weichmacher wie ‚Könntest du…’ oder: ‚Würdest du . . .’ seien völlig falsch. Nur eindeutige Anweisungen – verbunden mit klarer Gestik und Mimik – führten zum Erfolg, führte Dr. Biegert aus.
Andererseits sollten, so der Referent weiter, Regelverstöße nicht dramatisiert, sondern unter vier Augen mit dem Kind besprochen werden. Eine lautstarke Verurteilung im Beisein der Klassenkameraden sei, so der Experte eindringlich, kontraproduktiv.
Sein Credo: Lehrer sollten Verhaltensverbesserungen bei ADHS-Kindern belohnen. Positive Rückmeldungen sind für diese Schüler besonders wichtig, denn nur so kann der Teufelskreis von Kritik, inakzeptablem Verhalten, Ablehnung und Ausgrenzung durchbrochen werden. Sein vielbeachteter Tipp an die 60 Lehrer der Heinrich-Böll-Schule: „Erwischen Sie die Störer beim Richtigmachen!“ Dass diese Art von „Erwischen“ bei ADHS-Schülern gar nicht so schwer ist, wird schnell klar, wenn man sich die positiven Eigenschaften dieser Kinder vor Augen führt, verblüffen sie doch beispielsweise oft mit originellen Redebeiträgen, die den Unterricht beleben, oder sie begeistern mit ihrer Hilfsbereitschaft.
Am Ende des mit viel Beifall bedachten Referates und einer intensiven Fragerunde stand fest: ADHS-Schüler müssen keine „schwarzen Schafe“ im Klassenverband sein, sondern können – wie alle anderen Schüler auch – die Schulgemeinde auf ihre ganz eigene Weise beleben. Damit dies so ist, müssen Lehrer und Eltern an einem Strang ziehen und dem Kind emotionalen Rückhalt garantieren.
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